Freie Presse: Zu wenig Gäste: Lammhaxe von der Karte

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Der „Goldne Hirsch“ in Bernsdorf war vermutlich die erste Gaststätte in Sachsen, die wegen der Pandemie schließen musste. Ein Aushilfskellner hatte sich mit dem Coronavirus angesteckt. Jetzt bleibt die Lage kritisch.
Bernsdorf.
Man kann nicht sagen, dass die Speisekarte im „Goldenen Hirsch“ besonders dürftig wäre. Schmalhans ist hier, in dem altehrwürdigen Lokal direkt an der Bundesstraße 173 in dem kleinen Ort Bernsdorf, ganz gewiss nicht Küchenmeister. Aber so üppig wie sonst ist sie auch nicht mehr.
Inhaber Ronny Müller (42) sitzt am Donnerstagmittag in der Gaststube, am Nachbartisch zwei ältere Damen, die ein Mineralwasser trinken. Ansonsten ist nicht viel los. „Die Lammhaxe haben wir von der Karte genommen“, zählt Müller auf. „Dann noch die Wildsuppe und die Forelle“, fährt er fort. Keine Nachfrage, das Zeug werde ihm ja schlecht, sagt Müller. Zwar hat der Wirt sein Lokal seit 15. Mai wieder auf. Aber der Alltag ist längst noch nicht zurückgekehrt.
Der „Goldne Hirsch“ hatte traurige Berühmtheit erlangt. Sie war vermutlich die erste Gaststätte im Freistaat, die wegen der Coronakrise zugemacht hatte. Ein Aushilfskellner hatte sich mit dem Covid-19-Virus angesteckt. Seit 13. März ist das Lokal zu. Die anderen Gaststätten folgten nach einer Verfügung des Landes erst eine reichliche Woche später. Bernsdorf wurde zu einem sogenannten Hotspot. In der Gemeinde infizierten sich 46 Menschen, es gab zwei Todesfälle.
Müller rechnet nach: „62 Tage dicht. Ein kleines Wunder, dass Kneipen so etwas überstehen können. Wir haben halbwegs überlebt.“ Wie viele andere hat sich Müller mit Außer-Haus-Lieferungen über Wasser gehalten. Und mit einem Kredit von 50.000 Euro und 15.000 Euro Soforthilfe, die allerdings nicht sofort kamen, sondern auf die er fast zwei Monate warten musste. Nun hat er seit zwei Wochen wieder auf und könnte sich freuen – doch die Lage bleibt angespannt. Im Eingangsbereich ein mannshohes Schild mit der Aufforderung: 1,50 Meter Abstand halten. Und zusammen sitzen dürfen nur zwei Familien, die zusammengehören. Viele Gäste schreckt das ab.
Und die, die doch kommen wollen, können unter Umständen gleich wieder gehen. Hinter dem Tressen im „Goldnen Hirsch steht Ramona Schipanski (59) und erzählt: „Diese Woche fragten fünf Frauen an, ob noch Platz sei und sie kommen könnten. Wir mussten ihnen schweren Herzens absagen, als sie sagten, dass sie keine Familie sind. Einfach verrückt.“ Manchmal würden Gäste auch leicht ausfällig werden, wenn man ihnen sage, dass die Regeln und Vorschriften einzuhalten sind. Ramona Schipanski schätzt ein, dass im Moment 70 Prozent weniger Gäste kommen als vor der Schließung des Lokals am 13. März. Normalerweise ist der Männertag ein Ereignis, bei dem die feierlustigen Gäste den Ausflugslokalen wie dem „Goldnen Hirsch“ die Bude einrennen. In diesem Jahr waren es ein Drittel weniger als sonst. Auch am Pfingstwochenende wird nicht der ganz große Ansturm erwartet. Möglicherweise bleibt das auch noch eine Weile so. Eine Familiengesellschaft hätte schon ihre Bestellung für Oktober abgesagt.
Der Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Sachsen, Axel Klein, appelliert indes an die Gäste: „Anfang Juni werden nach einer neuen Allgemeinverordnung Familienfeiern wieder erlaubt sein. Gehen Sie wieder ins Restaurant. Die Hygienekonzepte stimmen. Es gibt keinen Grund, ängstlich zu sein.“

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